
Was und wie häufig schreibst du mit der Hand? Einkaufszettel, Wandkalender und vielleicht mal eine Geburtstagskarte? Oder hast du Stift und Papier aus deinem Alltag verbannt? Warum du sie zumindest hin und wieder herauskramen und nutzen solltest, zeige ich in diesem Beitrag auf.
Von Studien und Handschriften
Vor einiger Zeit stieß ich bei tagesschau.de auf einen Artikel, der meine Germanisten-Synapsen aufleuchten ließ. Kein Krieg, keine Politik, sondern ganz normaler Alltag. Der Titel lautete: “Wer mit der Hand schreibt, hat viele Vorteile”. Der Artikel griff die Bedeutung der Handschrift für verschiedene Bereiche des Lernens auf und betrachtete darüber hinaus die Ergebnisse der Studie Step 2022, die „Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben“.
Das Kernergebnis der Studie lautete, dass Schülerinnen und Schüler, die bereits vor der Pandemie Schwierigkeiten beim Handschreiben hatten, während Corona weiter abgehängt worden sind. Durch das Homeschooling fiel die individuelle Förderung der Handschrift weg, was sich durch eine Verschlechterung der Leistungen beim Handschreiben bemerkbar machte. Mehr als sieben von zehn Lehrkräften gaben in der Studie an, dass ihre Schülerinnen und Schüler nach dem Distanzunterricht deutlich größere Probleme bei Schreibstruktur, Schreibtempo und Leserlichkeit haben. Jungen sind davon stärker betroffen als Mädchen.
Warum ist das ein Problem? Ich lese auf verschiedenen Websites zu dem Thema und erfahre, dass ein sicherer Umgang mit der Handschrift großen Einfluss auf (schulische) Leistungen im Allgemeinen haben kann. Das zeigt auch die Step-Studie. Wer flüssig, also automatisiert, schreibt, muss nicht über den eigentlichen Schreibvorgang nachdenken. Dadurch wird das “Arbeitsgedächtnis” im Gehirn entlastet, dessen Kapazitäten begrenzt sind. Stattdessen kann sich die Person auf die eigentlichen Inhalte konzentrieren.
Vorteile der Handschrift
Die Vorteile des handschriftlichen Schreibens sind nicht zu unterschätzen. Sowohl für Schreibanfänger als auch für diejenigen, die bereits flüssig schreiben. In verschiedenen Studien fanden Wissenschaftler deutliche Hinweise und Belege dafür, dass unser Gehirn bei den Schreibbewegungen der Hand aktiver ist im Vergleich zu der monotonen Bewegung des Tippens. Dies wirkt sich besonders auf unsere Erinnerungsfähigkeit sowie die kognitive Entwicklung aus.
Wer mit der Hand schreibt, kann Buchstaben besser erkennen und lesen
Das Schreiben mit der Hand ist ein komplexer Vorgang, bei dem verschiedene Hirnareale, Muskeln und Gelenke aktiv sind. Schreiben wir einen Buchstaben aus, ist jede Bewegung individuell und wird entsprechend in unserem Gehirn verarbeitet. Die Handbewegungen helfen uns, die Buchstabenformen zu verinnerlichen. Zudem lernen Kinder, dass beispielsweise jedes geschriebene B oder K immer etwas anders aussieht.
Kinder, die mit dem Tablet Schreiben lernen, können unter Umständen ein geschriebenes b nicht von einem d unterscheiden. Außerdem können sie größere Schwierigkeiten haben, Variationen eines Buchstabens zu erkennen, da sie diesen nie mit all seinen Variationen selbst “produziert” haben. Beim Tippen auf der Tastatur wird bei jedem Buchstaben, egal, ob A, H oder J, die gleiche Bewegung ausgeführt. Das ist wenig stimulierend fürs Gehirn.
Wer mit der Hand schreibt, kann sich Dinge besser merken
Eine Studie aus Norwegen zeigt, dass die Hirnareale, die für Gedächtnisleistung und Informationsverarbeitung zuständig sind, eine höhere Aktivität und Konnektivität aufweisen, wenn die Studienteilnehmer mit Stift und Papier arbeiteten. Die Handbewegungen sowie die visuellen Sinneswahrnehmungen trugen dazu bei, dass die Probanden sich Dinge besser merken konnten als die Vergleichsgruppe, die auf einer Tastatur tippte. Gleiches gilt für dich und mich: Wenn wir mit der Hand schreiben, ist unser Gehirn aktiv und kann die notierten Informationen besser verarbeiten und abspeichern. Mit der Merkfähigkeit geht außerdem der nächste Punkt einher.
Wer mit der Hand schreibt, hat ein tieferes Verständnis für das Gehörte
Bei handschriftlichen Notizen strukturieren wir das Gehörte gleichzeitig im Kopf. Weil wir mit der Hand in der Regel nicht so schnell schreiben wie wir tippen können, müssen wir gezielte Informationen herausgreifen und sie in eigenen, verkürzten Worten auf dem Papier wiedergeben. Im besten Fall sind die Notizen später nachvollziehbar. So beschäftigen wir uns noch während des Schreibens mit den Inhalten, können es verarbeiten und uns besser merken.
Handschrift fördert die Kreativität
Weil unser Gehirn beim Schreiben mit der Hand aktiv ist, kann es zusätzlich kreativ werden. Nicht umsonst nutzen viele Menschen, etwa zum Ideen sammeln, bunte Post-its, eine Mindmap oder fertigen ein handschriftliches Manuskript an.

Weitere Pluspunkte des Handschreibens
Zwei weitere Punkte sind mir aufgefallen, als ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Sie sind nicht zwingend ein Vorteil, finde ich aber in jedem Fall erwähnenswert.
- Verbesserte Rechtschreibung?
Es gibt Hinweise darauf, dass mit der Hand zu schreiben die Rechtschreibgenauigkeit verbessert. Das ist insbesondere für Grundschulkinder und Schreibanfänger relevant und kann Auswirkungen auf die spätere Rechtschreibung haben. - Jede Handschrift ist einzigartig
Unsere Handschrift ist so individuell wie unser Fingerabdruck. Jede Schrift weist ihre eigenen Merkmale auf: klein und gedrängt, groß und geschwungen, schnörkelig, krakelig, etc.. Selbst eine sogenannte Sauklaue ist einzigartig. Es gibt sogar das Berufsbild des Schriftsachverständigen, der herausfinden würde, wenn man deine oder meine Handschrift bzw. Unterschrift kopiert hätte.
Vorteile des Tippens
Trotz all der Vorteile, die das Schreiben mit der Hand hat, ist das Tippen an der Tastatur aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Kein Studierender gibt seine Masterarbeit handschriftlich ab. Das Internet ist ein Online-Phänomen und basiert auf getippten Texten. Und auch ich als Texterin und Online-Redakteurin verwandle den blinkenden Cursor auf meinem Bildschirm per Tastatur in diese Worte um.
Die Vorteile des Tippens liegen auf der Hand:
- Strukturieren, Verfassen und Korrigieren von langen Arbeiten geht in der Regel schneller und besser.
- Geübte Tastaturschreiber tippen schneller als Handschreiber schreiben.
- Es wird Papier eingespart.
- Dokumente können unkompliziert elektronisch geteilt werden.
- Die Tastatur ist ein Hilfsmittel, etwa bei einer Behinderung oder für Menschen mit motorischen Defiziten.
Auf gar keinen Fall möchte ich auf meine Tastatur verzichten, egal, wie faszinierend ich die Studienergebnisse und die Leistungen unseres Gehirns finde. Nicht vorzustellen, wie lange ich handschriftlich an einem Text sitzen würde. Geschweige denn, wie viele Seiten sich bei mir stapeln würden, bei all den Textentwürfen, Überarbeitungen und Endfassungen!
Mein eigenes Verhalten: Tippen vs. mit der Hand schreiben
Ich gehöre zu einer Generation (Generation Y oder auch: Millennials), die noch beide Seiten kennt: mit der Hand schreiben und Tippen. Klar, die Hausaufgaben in der Schule habe ich mühevoll mit der Hand zu Papier gebracht. Sobald wir zuhause eine Schreibmaschine hatten, habe ich erste Kurzgeschichten in die Tasten gehämmert – wahrscheinlich zum Leidwesen meiner Eltern, die nebenan ferngesehen haben. Irgendwann kam der erste PC und mein persönliches Zeitalter des digitalen Tippens wurde eingeleitet.
Was ich bei mir selbst beobachten konnte und sich mit den oben genannten Studien deckt: In der Schule und in der Uni konnte ich mir die Sachen besser merken, die ich handschriftlich mitgeschrieben (und nachgearbeitet) habe. Ich weiß noch, wie ich fürs Abi seitenweise farbige Notizen angelegt habe, um damit zu lernen. Klar hätte ich auch einfach nur mit dem Lehrbuch lernen können, aber ich wusste: Wenn ich im ersten Schritt die Infos raussuche, die ich brauche, abschreibe und wichtige Schlagworte anmale, dann ist das für mich die halbe Miete.
Gleiches machte ich für meine Prüfungen im Studium. Ich habe nie gerne und gut studiert. Aber ich kaufte mir schöne Ordner, wälzte Unterlagen, machte Notizen, verwendete Farben und war so stolz, dass ich all das bis heute sogar aufgehoben habe.
Für mich als Texterin sind digitale Geräte meine Arbeitsmittel. Der kreative Teil in mir liebt aber alles Analoge: bunte Stifte, Marker, Kugelschreiber, (farbiges) Papier. Kreativ-Katrin in mir verlangt nach Schönem, Anregendem. Das können mir Tastatur und Monitor nur bedingt liefern.
Es geht nicht darum, Handschrift und Tippen gegeneinander auszuspielen, sondern beides sinnvoll miteinander zu verbinden. Ich bin mir sicher, die wenigsten möchten auf Tastatur und Bildschirm verzichten. Dennoch zeigt die Forschung, dass es gut ist, wenn wir uns einen analogen Teil in unserem Leben bewahren. Unser Gehirn und unsere Leistungen können wir schon mit vermeintlich selbstverständlichen Dingen wie Handschreiben anregen und das sind doch mal wirklich gute Nachrichten.
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