Heute geht’s um Politik. Also mehr oder weniger. Es geht um die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2025 und wie verständlich sie sind – oder nicht sind. Und wie wir für unsere Texte daraus lernen können.

Vor einiger Zeit wurde eine interessante Studie von der Universität Hohenheim durchgeführt, geleitet von Prof. Dr. Brettschneider und Dr. Claudia Thoms. Sie nahmen die Wahlprogramme der Bundestagswahl 2025 genau unter die Lupe und untersuchten sie auf formale Verständlichkeit. Das Ergebnis:

„Alle Parteien könnten verständlicher formulieren“, so Prof. Dr. Brettschneider.

Um das mit Zahlen zu untermauern, entwickelten die Wissenschaftler eine Verständlichkeits-Skala von 0 (formal schwer verständlich) bis 20 (formal leicht verständlich). Der Durchschnitt aller Wahlprogramme lag bei 7,3 Punkten. Das formal verständlichste Programm kam von der CDU/CSU mit 10,5 Punkten. Die AfD hingegen legte mit 5,1 Punkten das formal unverständlichste Wahlprogramm vor.

Immerhin: Die Programme zur Bundestagswahl 2025 sind verständlicher, als sie es zur Wahl 2021 waren. Damals lag der Schnitt bei 5,6 Punkten.


Woran hat et jelegen?

… das ist natürlich immer so die Frage. Die Studie hat ganz klare Antworten auf diese Frage gefunden: „Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln sind Fremdwörter und Fachwörter, zusammengesetzte Wörter und Nominalisierungen, Anglizismen sowie lange Sätze und Schachtelsätze“, sagt Dr. Claudia Thoms.

An dieser Stelle hüpft mein Texterherz, denn genau diese Punkte gelten auch in meiner Materie für gute Texte. Sie sollen nicht abschrecken, sondern ihren Zweck erfüllen und ihre Zielgruppe erreichen.

Fremd- und Fachwörter & komplizierte Wörter

Die Studie listet einige Beispiele an Fremd- und Fachwörtern aus den unterschiedlichen Wahlprogrammen auf. Eine Auswahl:

  • Konsumutensilien, Carbon Capture and Utilization (Linke)
  • Depublizierungspflicht, Belastungsmoratorium (BSW)
  • Konnexität, Small Modular Reactors  (CDU/CSU)
  • Environmental-Social-Governance-Vorschriften, Einlagensicherungs-Verbundlösungen (AfD)
  • Quick-Freeze-Modell, Dynamic Shared Ownership (FDP) 
  • Carbon Leakage, European Long-Range Strike Approach (SPD)
  • Datenkollaboration, Cum-Cum (Grüne)

Na, alles verstanden?

So kannst du es besser machen: Wenn du Texte schreiben willst, die gelesen und verstanden werden, sprich die Sprache deiner Zielgruppe. Das heißt: Verwende Wörter, die die Zielgruppe kennt, übersetze oder erkläre Fremdworte und begib dich auf Augenhöhe mit deinen Lesern. Schreib beispielsweise “Pflicht, Inhalte (aus dem Internet) zu entfernen“ statt Depublizierungspflicht.

Außerdem machen Nominalisierungen, also die Umwandlung von etwa Verben oder Adjektiven in ein Nomen, einen Text steif und abstrakt. Versuche außerdem, zu viele Endungen wie -heit, -keit, -schaft, -ung zu vermeiden.

Beispiel, das ich im Internet gefunden habe:
Gut: Wir analysierten die Ergebnisse, nachdem wir die Umfrage abgeschlossen hatten.
(–> jeweils ein Nomen im Haupt- und Nebensatz)
Nicht so gut: Die Analyse der Ergebnisse erfolgte nach Abschluss der Umfrage.
(–> vier Nomen in einem Hauptsatz)

Zusammengesetzte Wörter und Nominalisierungen

Zusätzlich finden sich jede Menge endlose, zusammengesetzte Wörter (Wortkomposita) in den Wahlprogrammen. In der deutschen Sprache ist es tatsächlich möglich, Wörter miteinander zu kombinieren und aneinanderzureihen. Das schafft viel Potential, kann aber – wie hier – sehr abschreckend wirken.
Die Parteien nehmen sich in den Programmen nicht viel, die FDP hat den Vogel allerdings abgeschossen:

  • Telekommunikationsnetzausbaubeschleunigungsgesetz, Jahresbürokratieentlastungsgesetz (FDP)
  • Einlagensicherungs-Verbundlösungen, EU-CO2-Reduktionsgesetzgebung (AfD)
  • Quellen-Telekommunikationsüberwachung, Sozialstaatstragfähigkeitsbericht (CDU/CSU)
  • Allgemeinverbindlichkeitserklärung (BSW)
  • Cybersicherheitsstärkungsgesetz, EU-Flottengrenzwerteverordnung (Grüne)
  • CO2-Grenzausgleichsmechanismus, Anwartschaftsüberführungsgesetz (SPD)
  • Migrant*innenselbstorganisationen, Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (Linke)

Wie viele Ansätze brauchtest du, um diese Monsterwörter zu lesen und zu verstehen? Oder hast du draufgeguckt und dir gar nicht erst die Mühe gemacht, das zu entziffern?

So kannst du es besser machen: Statt Telekommunikationsnetzausbaubeschleunigungsgesetz das Wort aufdröseln: “Gesetz zum beschleunigten Ausbau des Telekommunikationsnetzes”. Das ist zwar auch lang, wirkt aber weniger abschreckend und kompliziert.

Die deutsche Sprache bietet tolle Möglichkeiten für neue Wortkreationen. Dieses Phänomen hat uns aber auch den Ruf eingebracht, unendlich lange und komplizierte Wörter zu verwenden, obwohl das im Alltag eigentlich nicht der Fall ist.

Anglizismen und „Denglisch”

Aus dem Englischen haben viele Wörter Einzug in die deutsche Sprache gehalten. Haben sie sich über Jahre etabliert, ist sie für mehrere Generationen verständlich, wie etwa cool, Laptop, E-Mail, Job, Homeoffice oder surfen. Für einige neue Begriffe, insbesondere im Bereich der Technik, gibt es nicht einmal mehr ein Pendant. Und der Büroalltag ist voll mit Anglizismen wie Teambuilding, After-Work-Party, Townhall-Meeting, Call und vielen mehr. Wer einer älteren Generation oder bestimmten Zielgruppen angehört, kann mit solchen Begriffen gegebenenfalls nichts anfangen.

Das hält die Parteien nicht davon ab, sich auch der englischen Sprache zu bedienen.

  • Carbon Capture and Utilization, Quick-Freeze (FDP)
  • EU-Forechecking, Smart Breeding (CDU/CSU)
  • Environmental-Social-Governance-Vorschriften, Opt-Outs (AfD)
  • European Long-Range Strike Approach, Local-Content-Regeln (SPD)

So kannst du es besser machen: Im besten Fall gibt es gängige Alternativen zu den Begriffen. Oder du nimmst dir in einem Text die Zeit und den Platz, um die Begriffe zu erklären. Fairerweise muss ich an dieser Stelle zugestehen, dass die Parteien in den Wahlprogrammen tatsächlich Erläuterungen vornehmen.

Lange Sätze und Schachtelsätze

Ein weiterer Punkt, der gegen die Verständlichkeitsregel der Wissenschaftler verstößt, sind Bandwurm- und Schachtelsätze. Das BSW liegt hier klar vorne. Mit 23,8 Prozent ist der Anteil an Schachtelsätzen mit mehr als zwei Teilsätzen am höchsten. Zudem findet sich beim BSW der längste Satz aller Wahlprogramme mit 69 Wörtern. Beispiele aus der Studie:

„Das BSW legt ein Wahlprogramm für einen politischen Neuanfang 2025 vor: Für ein Deutschland, in dem sich die Bürger wieder wohl und sicher fühlen, in dem die Schulen Bildung fürs Leben vermitteln und jeder Kranke einen guten Arzt findet, in dem die Fleißigen belohnt werden und nicht die Erben, ein Land, in dem Anstrengung wieder Aufstieg ermöglicht und die Politik den Menschen das Leben leichter und nicht schwerer macht.“ (BSW, 69 Wörter)

„Wir haben eine längst überfällige Reform zur Verbesserung der Versorgungsqualität in unseren Krankenhäusern durchgesetzt und Maßnahmen für eine bessere ambulante Versorgung – wie beispielsweise die Entbudgetierung der Hausärztinnen und Hausärzte, die Erleichterung der Gründung von kommunalen MVZ und die Einführung der Advanced Practice Nurse und Gemeindeschwestern und eine Verbesserung bei der Hilfsmittelversorgung insbesondere für Menschen mit Beeinträchtigung – vorbereitet.“ (SPD, 57 Wörter)

Meiner Meinung nach ist der etwas kürzere Satz der SPD sogar schwerer zu erfassen als der längere Satz des BSW. Das liegt meiner Meinung nach am Nominalstil (und viel -ung) sowie am Einschub, welche Verbesserungen geplant sind.

So kannst du es besser machen: Texte sind verständlich, wenn die Satzstruktur clean und einfach gehalten ist. Ich würde lange Sätze nicht per se verteufeln. Auch ich nutze sie (und Denglisch, wie du vielleicht gemerkt hast). Aber wenn sie nicht gut strukturiert sind, besteht die Gefahr, dass der Leser abschaltet oder ganz weg ist. Ein Hauptsatz plus ein Nebensatz oder nur ein Hauptsatz machen einen Text zugänglicher. Außerdem beinhaltet ein Satz im besten Fall nur eine Information, um nachvollziehbar zu bleiben.

Auch die Studie dröselt auf, warum “Laien” an einem Text wie den Wahlprogrammen scheitern können:

  • komplexer Satzbau (Schachtelsätze)
  • hohe Informationsdichte
  • Häufung von Fremd- und Fachwörtern, Nominalisierungen und Wortkomposita
  • fehlende Erklärungen für Laien

Die Lösung ist doch da …

Den komplizierten Wahlprogrammen zum Trotz muss man einigen Parteien zugutehalten, dass sie zumindest kurze Übersichten erstellt haben. Das können neben Kurzwahlprogrammen beispielsweise auch Flyer sein.
Die SPD ist jedoch die einzige Partei, die ein Programm in leichter Sprache anbietet. Dieses ist nur 15 statt 68 Seiten lang und zeichnet sich aus durch:

  • kurze Hauptsätze
  • Stichpunkte
  • großzügige Formatierung
  • keine komplizierten Fremdwörter
  • nur etablierte Anglizismen (Tablet, Handy etc.)
  • Begriffserklärungen (Demokratie)
  • Fettungen
  • Bilder

Es ist noch viel Luft nach oben, denn eigentlich sollten Wahlprogramme doch dazu dienen, den Wählern eine Position verständlich und nachvollziehbar zu erklären. Gerade die Politik wirkt für viele Menschen bürgerfern, unverständlich und intransparent. Schwer zu verstehende Sprache trägt nicht dazu bei, dass sich Wähler und Parteien annähern. Das es auch anders geht, zeigen die Parteien zumindest durch Zusammenfassungen und Wahlprogramme in leichter Sprache.

Bildnachweis: Bild von Fabian Holtappels auf Pixabay